Schluss mit Wut

Was haben wir uns beschimpft. Was haben wir Erfolge zerredet. Was haben wir alles getan, um super-demokratisch die Welt zu gestalten. Jetzt ist der Mitgliederentscheid rum und wir sollten wieder gemeinsam arbeiten.

Ich habe diesen einen Moment in den vergangenen Wochen erlebt, in dem sich zeigte, was in dieser Partei auch passieren kann. Anfang Februar, gerade erst haben unsere Obergenossen den Koalitionsvertrag mit der Union besiegelt und präsentiert. Wochenlang schon sezieren zuvor Genossen Stück für Stück das, was an Teilergebnissen bekannt wird. Ziemlich viele finden das nicht gut und schreien das in die Welt hinaus, #nogroko wird vom Hashtag zur Marke. Ich wähne mich unter Wutgenossen. Irgendwie bedenklich, finde ich, wo doch jeder Einzelne von uns bis Monatesende eine hoffentlich nüchterne Entscheidung getroffen haben muss bei diesem Mitgliederentscheid.

Und dann also das: Die SPD im Münchner Stadtteil Pasing lädt zu einem „Zukunftsforum“ ein. Zwei Dutzend Genossen und ein paar Gäste diskutieren beim Italiener im Nebenraum über Fragen wie die Gestaltung des digitalen Umbruchs, das Primat der Politik, den Wert von Arbeit und wie man dem Wähler vermitteln kann, dass die SPD die richtigen Antworten entwickelt. Es ist hitzig, es ist kontrovers, von Willy Brandt bis Karl Marx fallen Namen der Vergangenheit, alles im Namen der Zukunft.

Nur eins passiert nicht. Über einen ganzen langen SPD-Abend hinweg erwähnt kein Mensch das Wort GroKo. Keiner sagt, keiner ruft nogroko. Ein ganzer Abend ohne Hashtag. Ein ganzer Abend ohne Wut.

Am besten nicht immer alles so laut

Es geht doch, denke ich da und erinnere mich doch schnell wieder an den beinahe körperlichen Schmerz, den mir die Zustände innerhalb dieser Partei nun schon seit Wochen bereiten. Bin ich nicht eingetreten, um etwas zu bewegen, etwas zu erreichen? Seit Wochen erlebe ich nun aber, wie meine Genossen all das, was in den Koalitionsverhandlungen erreicht wird, zerreden. Zu wenig, zu schlecht. Viel zu wenig. Viel zu schlecht. Bitte immer möglichst laut, damit die Menschen da draußen, vielleicht Wähler von Morgen, das auch genau wissen.

Nun ist also Anfang März und wir haben entschieden. Hunderttausende von uns haben abgestimmt über die Frage, ob die SPD in eine weitere große Koalition eintreten soll oder nicht. An diesem Punkt vor der Auszählung, an dem wir das Ergebnis nicht kennen, stelle ich mir dabei die Frage, ob jetzt Schluss ist. Schluss mit Mosern. Schluss mit Miesmachen.

Gewinnt das Zerrede-Gen?

Ich möchte so sehr daran glauben, dass wir das schaffen. Dass wir Abschied nehmen. Dass wir fortan keine Wutgenossen mehr sind. Ich kenne Organisationen, da läuft das so. Da wird auch hart gerungen, Positionen werden erkämpft, bekämpft. Dann stimmt man ab – und alle stellen sich hinter das Ergebnis, das fortan ein gemeinsames ist. Können wir das auch? Kann die SPD das auch?

Im Moment traue ich mich das nur zu träumen. Zu träumen, dass ich Mitglied einer Partei bin, die sich selbstbewusst mit dem politischen Gegner beschäftigt. Die für etwas kämpft statt gegen sich selbst. Die sich ihrer Verantwortung für das Land bewusst ist und allein schon deswegen stolz auf sich.

Ob wir das hinbekommen? Oder ob das Sezier-, das Palaver-, das Zerrede-Gen doch stärker ist? Ich nehme mir vor, das im Zweifelsfall zu akzeptieren. Ich werde ganz bestimmt nicht wütend sein.

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